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Der Diebstahl des Küchenfensters


Als die Sonne mit ihrem unbeschreiblichen Farbspektrum den dunklen Nachthimmel, gleich hinter der alten Streuobstwiese, für wenige Millimeter blutrot färbte und so den Sternen langsam ihre lebensnotwendige Dunkelheit nahm, stand ich voller Leere, Angst und Ungewissheit am Küchenfenster in unserem Haus. Ich genoss diesen beruhigenden Anblick, während sich der finstere Himmel mit einem immer üppiger werdenden Farbenmeer an Rottönen schmückte. Beim Anblick der alten und hochgewachsenen Allee an Apfelbäumen im Farbenspiel der Naturgewalten, spürte ich die schönen Erinnerungen alter Zeiten in mir aufsteigen. Mit jedem Wimpernschlag wurde die Tür im Abendhimmel hastlos weiter geöffnet und man blickte durch einen Türspalt in das Morgenrot einer scheinbar anderen Welt. Wohl durch diesen wunderschönen Anblick angeregt, spielten sich in meinem Kopf Szenen vergangener Tage ab. Während Tausende an Gedanken in Sekundenschnelle mein Leben Revue passieren ließen, hielten meine Erinnerungen plötzlich inne. Es musste jetzt fast fünfundzwanzig Jahre her sein, als ich meine geliebte Heimatstadt Nordhausen verließ. Ich rechnete kurz nach, ohne auch nur einen Moment meinen Blick von dem beeindruckenden Tagesanbruch abzuwenden. Wie damals in der Schule folgte gedanklich eine Zahl der anderen. fünfundzwanzig, sechsundzwanzig, siebenundzwanzig Siebenundzwanzig Jahre waren schon vergangen, als Mina mit ihren damals 75 Lenzen die Idee hatte, als Geschenk und bleibende Erinnerung an meinen Umzug, diese Streuobstwiese anzulegen. „Du wirst sehen, Käthe“ , hörte ich Mina plötzlich sagen, „diese Bäume spenden dir neben den süßen Früchten und der heilbringenden Wirkung der Äpfel auch Kraft und Energie, an traurigen Tagen.“
Es war ein sonniger Oktobertag im Jahr 1918 und ich, gerade frisch verheiratet, stand, wie auch, jetzt am Küchenfenster und blickte in die Ferne. Die alte Spieluhr aus Porzellan erhellte im Hintergrund den Raum mit ihren schönen und zeitlosen Klängen. Sie war ein Hochzeitsgeschenk meines Vaters und immer, wenn ihre Melodien zu hören waren, fühlte ich mich eingebettet in einen samtweichen Schleier aus Liebe und Geborgenheit. An diesem Tag lag das Herbstparfum des goldenen Oktobers in der Luft, welches mich immer an feuchte Erde und heruntergefallene gelb-rote Blätter erinnert. Ich weiß noch, wie ich zu Mina blickte, welche am Tisch saß und die Namensschilder für die Obstbäume beschriftete. „ So kannst du später dem Geschmack einen Namen geben“, sagte sie und zählte die kunstvoll verzierten Etiketten. „ Kaiser Wilhelm, Boskoop, Gravensteiner, Schöner aus Nordhausen, Albrechtsapfel, Goldparmäne, Ontario“ .... Sie kannte neben dem Namen und der Herkunft einer jeden Apfelsorte auch deren Geschmack, Erntezeiten und viele alte überlieferte Geschichten. Wir gingen an diesem Tag zusammen zur alten Wiese hinter unserem Haus. Wir, das waren neben mir und meinem Mann Kurt noch seine Mutter Mina und Herr Weigelt, unser Kutscher. Mina und ich markierten die Stellen am Boden mit einem kleinen Holzpfahl, wo die hochstämmigen Apfelbäume ihren Platz für die nächsten 50, 60 oder noch mehr Jahre bekommen sollten. „Einen alten Baum verpflanzt man nicht“, sagte Mina hin und wieder und lächelte mir dabei zu. Sie wusste, dass wir das gleiche Schicksal teilten, denn auch sie zog zu ihrem Mann und verließ hier ihr elterliches Heim. So oft es ihr möglich war, zog es sie jedoch wieder zu ihren Wurzeln in die Heimat und Jeder wusste, dass sie hier auch ihre letzte Ruhe finden mochte. Während Kurt und Herr Weigelt mit der Spitzhacke die ersten Löcher aushoben, blickte unser Nachbar über den Zaun und rief Mina lachend zu: „Steinreich“. Ich wusste nur allzu gut, was er damit meinte, denn die Zweideutigkeit dieses Wortes galt der geografischen Lage unseres Dorfes. Zwar waren Mina ́s Vorfahren seit Generationen fleißige und geachtete Bauern gewesen, welche sich mühsam eine größere Bauernwirtschaft aufgebaut und etwas Geld erwirtschaftet hatten. Steinreich wurden hier jedoch die Eigentümer der schlechten und steinigen Böden genannt, welchen es nur mit größter Mühe gelang, die Äcker zu bewirtschaften und nutzbar zu machen. „Steinreich, wie mein Nachbar“, rief nun auch Mina und winkte freundlich zurück. Im Hintergrund waren die starken Schläge der Spitzhacken zu hören, welche Steinschicht um Steinschicht unter dem Hauch an Erdreich brachen. Diese Erinnerung schien mir statt siebenundzwanzig Jahren nur siebenundzwanzig Tage her zu sein und ich spürte wieder die Wärme und Sicherheit der alten Zeiten, im Kreise der Familie und der dörflichen Gemeinschaft. Das Morgenrot breitete sich nun immer weiter über dem Horizont aus. Die anfänglich noch zählbaren Strahlen der Sonne wuchsen schnell zu einem großflächigen Farbenfeuer heran, in dessen Mitte die alten Apfelbäume ruhten. Ich wusste in diesem Moment, dass dieses optische Gesamtkunstwerk kein Maler so auf einem Blatt festhalten und für die Nachwelt wiedergeben könnte. „Himmel und Erde“, schoss mir durch den Kopf, gefolgt von „die Ruhe vor dem Sturm.“ Die Gesichter verschwammen von einer Sekunde auf die andere und ich versuchte, die schönen Gedanken zu greifen und die Momente noch einmal zu spüren. Ich wollte nicht in der Angst und Hilflosigkeit der letzten Tage ertrinken. So war es der Klang der Spieluhr, welcher mir in einem Sekundenbruchteil einen Glücksmoment der letzten Wochen in meine Gedanken zurückholte. Es war ein Geschenk des Himmels, welches traurigerweise nicht jeder Mutter vergönnt war. Auch damals stand ich hier und mein Blick streifte in die Ferne, als ich einen jungen Mann über die Felder wandern sah. Nach dem Kriegsende war dies ein täglicher Anblick, da viele Menschen in ihre Heimat und zu ihren Familien zurückkehrten. Ich wartete zu dieser Zeit seit Wochen auf ein Lebenszeichen von meinen beiden Kindern und betete jeden Tag für sie. Als mir der junge Mann zuwinkte und mit rennen begann, erkannte ich unseren jüngsten Sohn. Er war stark abgemagert, hatte aber den Krieg und das Hungerlager in Bad Kreuznach überlebt. Ich rannte ihm entgegen und schloss ihn mit Tränen in den Augen in die Arme. Wie lange wir so standen, weiß ich nicht mehr, aber der Moment der Umarmung sagte mehr als tausend Worte. Das Knacken des Feuers im Ofen, gefolgt vom lauten Läuten der Wanduhr riss mich aus meinem Traum. Während ich wie fest verwurzelt auf der Stelle stand, wanderte mein Blick vom Ofen weiter zum gedeckten Frühstückstisch. Als das achtmalige Schellen der Küchenuhr erlosch, spürte ich die Anspannung und Hilflosigkeit wieder in mir aufsteigen. Der Schmerz durchdrang meinen Körper erneut und nahm mir die Luft zum Atmen. Als ein kurzer Luftzug durch das Fenster meine Haut berührte und sich die Bäume dabei leicht im bodennahen Nebel bewegten, war es, als streichelten sie meine Seele und ich ließ meinen Blick ein letztes Mal verträumt aus dem Fenster gleiten. Die Sonne wanderte ununterbrochen weiter und präsentierte sich nun in ihrer ganzen Pracht. Ein großer, rund leuchtender Energiepunkt voller Stärke und Schönheit, so allmächtig und scheinbar unvergänglich. „Vergänglichkeit durch Willkür“, spukte durch meinen Kopf. „Die Sonne wird wohl nicht für alle Zeiten diese Streuobstwiese mit ihren warmen Strahlen wach küssen. Das malerische Gesamtkunstwerk wird bald wieder der dunklen Nacht weichen müssen.“ Dies hat aber nichts mit Willkür zu tun, denn dies ist der Lauf der Natur und gehört schon seit eh und je zum Leben dazu. „Tag und Nacht, Gut und Böse, Willkür und ...“ Da spürte ich eine Träne langsam meine Wange herunter wandern. Sie war nicht allein, aber hatte die schwere Aufgabe, dem folgenden Tränenmeer den Weg zu weisen. Ich fühlte mich jetzt genau wie diese erste Träne. Sie wurde vom Auge in eine ungewisse Zukunft geschickt, ins Nichts, ohne Hilfe und ohne Hoffnung auf einen Weg zurück. Mein Kopf war jetzt fast frei von Erinnerungen und die Bilderflut verebbt langsam, um doch plötzlich bei einem Gedanken inne zu halten. Es war im Juni dieses Jahres. Am Küchentisch saßen unser Hausarzt und Kurt, beide weinten. Ich höre die Stimme unseres langjährigen Freundes, welcher für sich und seine Familie schon eine folgenschwere Entscheidung getroffen hatte. „Kommt mit und packt alles zusammen“, sagte er. „Folgt, wie ich den Amerikanern und denkt nicht zu lange darüber nach. Ihr werdet sonst alles verlieren.“ Die Dielen knarrten, als ich mich kraftlos auf dem Küchenstuhl niedersenkte, dort wo ich auch in den letzten Tagen und Nächten jede freie Minute hoffend und betend verbracht hatte. Das Geräusch der Gendarmerie vor unserem Haus schreckte mich auf und im grell leuchtenden Rot der Bremslichter erlosch der letzte Funke Hoffnung in mir. Ich sah am gesenkten Blick meines Mannes, der von den lautstarken Klopfen und Rufen verschreckt an die Eingangstür gegangen war, dass die Ungewissheit jetzt in Gewissheit übergehen würde. Ich ging zum Wandkalender und riss mit zitternder Hand das gestrige Kalenderblatt ab. Als Kurt mit weinenden Augen in der Küchentür stand, schrieben wir „ Mittwoch, den 10. Oktober 1945!“ Die Spieluhr schlug ihren letzten Ton an, als Kurt zu mir kam und sagte: „ Käthe, setz dich bitte.“ In diesem Moment wusste ich noch nicht, dass ich gerade den letzten Sonnenaufgang durch mein geliebtes Küchenfenster gesehen hatte. Weitere zwei Stunden, nachdem die Spieluhr an diesem Morgen für immer verstummte, waren wir, als enteignete und kreisverwiesene Familie, nur mit dem Wenigen, was wir tragen konnten, zu Fuß auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft.
Als ich drei Jahrzehnte nach dieser Vertreibung, weit entfernt von meiner alten Heimat, die Augen für immer schließen sollte, reichten mir Mina, Kurt und mein geliebter Vater von oben die Hand. „Ich habe es mir zu Lebzeiten immer gewünscht, aber den Sonnenaufgang über unserer Streuobstwiese durfte ich nie mehr sehen. Vergessen hab ich ihn nie!“

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Kurzgeschichte


In Erinnerung an
Käthe Johanna Frieda Agnes Morgenroth, geb. Förstemann