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Die Enteignung der Familie Morgenroth

Mein Urgroßvater Kurt Morgenroth und seine Frau bewirtschafteten bis zu ihrer entschädigungslosen Enteignung im Jahr 1945 sowie der anschließenden Kreisverweisung ein über 100 ha großes landwirtschaftliches Gut in Drößnitz bei Kahla.

Kurt verbrachte schon als Kind jede freie Minute auf dem damals noch 'Lochschem- Gut' seiner Großeltern. Da ihm hier die Arbeit Spaß machte und Drößnitz bis dahin seine 2. Heimat war, übernahm er die seit vielen Generationen in Familienbesitz befindliche Bauernwirtschaft von seiner Mutter Auguste Minna Morgenroth, geborene Loch. Er führte die Wirtschaft nach alter Tradition weiter und schaffte so u. a. viele Arbeitsplätze in der Region. Auch er beschränkte sich nicht nur auf Feldfrucht. Die Simmentaler Herdbuchzucht, eine große Merinoschafzucht sowie eine Vielzahl an Zuchtsauen und Zuchtebern sicherten weitere Einnahmen. Kurt's große Leidenschaft neben der Jagd war zudem die Pferdezucht mit einer Hauptstammbuchstute und 16 Kaltblutstuten (Stammbuchstuten). Das landwirtschaftliche Gut war immer auf dem neusten Stand der Technik und so hatte Kurt Anfang der 30er Jahre den ersten Traktor im Dorf, einen eisenbereiften Hanomag mit 28 PS, neben der fahrbaren Dreschmaschine, auf dem Hof stehen. Dem folgten ein Lanz Bulldog sowie 1942 der Normag NG25 mit Holzgasanlage, um der zunehmenden Treibstoffknappheit im Zweiten Weltkrieg zu begegnen.

Mein Großvater Hans- Paul Morgenroth, welcher 1945 im Alter von 17 Jahren aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause kam und glaubte, sich nun endlich von den Kriegsstrapazen bei seinen Eltern erholen zu können, erlebte die Enteignung und Vertreibung wie folgt:

Ungefähr vier Wochen nach meiner Kriegsheimkehr und dem beendeten Besatzungswechsel in Thüringen, wurden mein Vater, meine Mutter und ich ohne Angabe von Gründen von der Gendarmerie abgeholt und ins Gefängnis nach Stadtroda gesperrt. Dort wurden wir wie Schwerverbrecher behandelt. Keiner sagte uns warum wir festgehalten wurden. Nach ca. 4 Wochen Gefangenschaft wurden wir aus dem Gefängnis entlassen. Die Gendarmerie drohte bei unserer Entlassung, dass wir bis morgen Mittag Drößnitz zu verlassen haben. Sollten wir Mittag noch in Drößnitz sein, würde man uns nach Buchenwald deportieren. Da Bekannte nach einem Transport nach Buchenwald nicht wieder zurückgekommen waren, wusste mein Vater von der Schwere und Ernsthaftigkeit dieser Drohung. So verließen wir noch über Nacht und mit Todesangst unsere schöne Heimat nur mit dem was wir Tragen konnten. Wir baten bei der Kirche um Hilfe, wurden von ihr jedoch nicht aufgenommen. Zum Glück nahm uns mein Onkel - Rudolf Morgenroth - für kurze Zeit in Kleinhettstedt auf, aber auch dort durften wir nicht lange bleiben. Wir wurden des Kreises verwiesen! Als Großgrundbesitzer, welche über viele Generationen ihre Wirtschaft auf über 100 ha erweitert hatten, waren wir seit Ende des Krieges ohne Rechte, unerwünscht und politisch verfolgt.

Unser Elternhaus (das Herrenhaus), welches noch nicht einmal zum landwirtschaftlichen Gut gehörte, wurde schnell vom damaligen Bürgermeister, einem Altbauern und unser Nachbar, bezogen. Andere örtliche Altbauern, die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe und die Gemeinde bekamen zudem eine Vielzahl an Acker- und Waldflächen sowie dem uns gehörigen toten und lebenden Inventar. Weitere auf dem Gut tätige und in den Arbeiterwohnungen lebende Personen wurden nach unserer Enteignung als Siedler geführt und bekamen so auch einen geringen Teil an Ackerflächen, Gebäuden bzw. Gebäudeabschnitten, Tieren, Maschinen ... zugewiesen.

Wir tauschten so im übertragenem Sinn unseren Besitz gegen unser Leben.

Da mein Vater bei der Enteignung schon 68 Jahre alt war und ihm diese stark zusetzte, starb er nach über 4 leidvollen Jahren als armer und kranker Mann. Sein letzter Wille war seine Bestattung in Drößnitz, wo er neben der enormen Ungerechtigkeit und der Willkür des Staates, mancher Bürger sowie der sowjetischen Besatzer auch viele schöne Jahre, Momente und Erinnerungen verbrachte. [Hans Paul Morgenroth - 2010]